Zweirad-Geschichten II
geschrieben von Irene Lange im Juli 2018
Eine Reise durch die Vergangenheit des Drahtesels: Der Lüneburger Sportverein baute 1898 eine Radrennbahn nahe der heutigen „Roten Schleuse“ – Teil 2

Der Schotten John Boyd Dunlop gilt als Erfinder Luftreifens, obwohl offensichtlich bereits 40 Jahre zuvor, also 1850, der Engländer Robert William Thomson einen solchen entwickelt hatte. Wie auch immer, mit diesen Reifen wurde das Fahrrad zumindest alltagstauglich und trat seinen bis heute anhaltenden Siegeszug als Massenverkehrsmittel an. Die Vollgummireifen, die bis dahin das Fahren behäbig machten, taugten noch nicht dazu.
Auch in Lüneburg bewiesen die ersten Fahrradhändler Mut und Pioniergeist, der sich auszahlte. Zu den ersten zählte Wilhelm Stork, Kaufmann für Eisen- und Haushaltswaren. Schon 1885 hatte er den Vertrieb englischer Hochräder aus Coventry übernommen und eröffnete jetzt Geschäfte An den Brodbänken, in der Bäckerstraße und in der Unteren Schrangenstraße, wo auch sein großes Lager mit bis zu 1.000 Rädern in der Saison entstand. Auch Georg Havemann, der ebenfalls in der Unteren Schrangenstraße seine Schmiede betrieb, stieg zur gleichen Zeit ins Fahrradgeschäft ein. Bis 1900 kam noch eine Reihe weiterer Geschäfte hinzu, die in der Lüneburger Innenstadt Fahrräder feilboten. Einige von ihnen bestanden über Jahrzehnte bzw. existieren heute noch, wie das Unternehmen Elba-Rad aus Adendorf. Rechnungen der ersten Lüneburger Händler, die im Stadtarchiv einzusehen sind, weisen auf lebhafte Geschäftsumsätze hin; schon damals schien sich Lüneburg zur Fahrradstadt zu entwickeln.
Ende des 19. Jahrhunderts begeisterte der neuartige fahrbare Untersatz derart, dass der Lüneburger Sportverein sich veranlasst fühlte, in der Hansestadt eine Attraktion für eine neue Sportart anzubieten: die Radrennbahn. Sie wurde 1898 nahe der heutigen „Roten Schleuse“ im Wilschenbruch unter großem und begeistertem Anteil der Bevölkerung sogleich mit einem Wettbewerb der Radsportler eingeweiht.
Über einige Jahre hielt sich das Interesse am Radrennsport mit drei- bis viermal im Jahr stattfindenden Rennen, an denen auch auswärtige Radrennfahrer teilnahmen. Die Schüler des Johanneums durften alltags ihre Runden auf der Bahn drehen, während die Strecke abends den aktiven Sportlern des LSV zur Verfügung stand. Doch einige Jahre später löste die Gründung des Lüneburger Fußball-Clubs das Interesse für den Radsport ab – schnell verlor dieser an Popularität.

Die Geschichte des Lüneburger Rennrad-Sports endete 1904 eher unrühmlich vor Gericht, als es um die vorzeitige Kündigung des Pachtvertrages und um nicht gezahlte Rechnungen ging. 1907 wurde endgültig alles aufgelöst, das noch vorhandene Inventar verkauft.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg wandte sich 1946 ein Otto Koch aus Braunschweig an den damaligen Lüneburger Bürgermeister. Er hatte die Idee, alte Radrennbahnen in Niedersachsen zu übernehmen und ihnen zu alter Blüte zu verhelfen. Daraus ist wohl nichts geworden. Die Stadt lehnte ab, mit der Erklärung, kein Interesse mehr an der Durchführung derartiger Projekte zu haben. Noch heute sind die von Büschen bewachsenen Reste der ehemaligen Steilkurve direkt neben dem Radweg an der B4 und in östlicher Richtung am Gasthaus „Rote Schleuse“ zu erkennen.
Dass das Radfahren bei den Lüneburgern auch heute noch hoch im Kurs steht, beweisen die vielen Radler auf den Straßen der Hansestadt und nicht zuletzt die rege Teilnahme an der vom VfL Lüneburg veranstalteten beliebten Radtouren „Rund um Lüneburg“. Ein Tipp für Freunde des Drahtesels: Gerade ist ein brandneuer Radwanderführer erschienen. „Radeln im Landkreis Lüneburg“ heißt er und beinhaltet acht Touren zu den schönsten Flecken und spannendsten Orten; erhältlich ist dieser überall im Buchhandel. (ilg)
– Quellen: Stadtarchiv;
www.lueneburger-fahrraeder.jimdo.com
Fotos: Enno Friedrich, Archiv Harald Oertzen

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