Lebender Gigant
geschrieben von Daniel Oliver Habenicht im Juni 2011LÜNEBURGS URZEITLICHER RIESENMAMMUTBAUM STEHT IN EINER KLEINGARTENKOLONIE AM SCHILDSTEIN
Was hat den Menschen damals wohl bewogen,
einen Riesenmammutbaum nach
Lüneburg zu holen? War es ein kühner
Weltenbummler, heimgekehrt von Eskimos und
Walfi schfängern? Ist ihm beim Schlendern durch
die Felder nahe Oedemes etwa ein Samen, den er
vergessen seit seiner abenteuerlichen Reise durch
die Sierra Nevada in Kalifornien
mit sich trug, aus der Tasche gefallen?
War es eine Botanikerin
und wollte sie wie Christa von
Winnings aus Melzingen im Jahre
1968 ein Arboretum mit unzähligen
exotischen Pfl anzenarten
entstehen lassen? Viele
solcher Vermutungen und Geschichten
sollen sich seither um
die Herkunft dieses Giganten gerankt
haben.
Der urzeitliche Riese befindet
sich heute inmitten der Kleingartenkolonie
am Schildstein.
Grüne Schilder weisen stolz den
Weg zu diesem kapitalen immergrünen
Nadelbaum aus der Familie
der Zypressengewächse.
Von seinen möglichen 2.000 bis
3.000 Lebensjahren soll er bereits 111 hinter sich
haben und von seiner zu erwartenden Größe von
100 Metern oder mehr hat er ganz sicher schon
rund 20 erreicht. Im Durchmesser misst er stolze
1,50 Meter, nun fehlen nur noch etwa 8,50 von
rund 10 Metern. Zumindest eines ist nachweislich
sicher: Seinen heutigen Standort bezog er erst um
1935, 35 Jahre nach seiner Ankunft. In jenem
Jahr wurde am Schildstein die Gartenkolonie gegründet.
Es deutet einiges darauf hin, dass dem
Riesen von Anfang an eine eigene Parzelle zugebilligt
wurde – vielleicht mit einer Bank zum Verweilen
und Träumen, oder um über Zeit und Raum
zu philosophieren? Ins Philosophieren kann man
bei einem prähistorisch anmutenden Lebewesen
dann auch leicht geraten. Wie sah der Ort um
1935 aus, als die ersten Gärtner ihre Parzellen bezogen
und jeden Tag an diesem fremden Baum vorübergingen?
Was dachten sie über diesen Giganten
in spe? Wie steht es um den Baum – so er noch
stehen sollte – in 2.000 Jahren?
Der lateinische Name unseres Riesenmammutbaumes
lautet „Sequoiadendron Giganteum“ und
war nicht der einzige seiner Art, der im 19. Jahrhundert
den Weg zurück nach Europa nahm. An
vielen Orten Deutschlands kann man sie heute
noch bewundern. Nun könnte man meinen, die
Bäume sind, wie eingangs angedacht, von abenteuerlichen
Weltenbummlern mitgebracht worden,
tatsächlich aber wurden exotische Bäume bereits
im 19. Jahrhundert von Baumschulen, vorwiegend
in England, im großen Stil vermehrt und verkauft.
Nur war dies damals eine recht teure Angelegenheit.
Das wohl größte Vorkommen dieser Exoten
schaffte um 1872 Christian Friedrich Gustav in
Weinheim.
In nur zwölf Jahren ließ er 12.494 von
ihnen pflanzen, darunter auch 1.460 Mammutbäume.
Sie wurden mit Schiff und Fuhrwerk aus
Exeter bei London als vierjährige Pfl anzen im Topf
gebracht. Die heute rund 135 Jahre alten Bäume
sind bereits unfassbare 60 Meter hoch und überragen
den Rest des Waldes deutlich. Trotz ihrer
Größe befi nden sie sich gerade
erst in ihrer Jugendphase und
scheinen noch einiges vor sich
zu haben.
Seit der Wiederentdeckung im
19. Jahrhundert sind immer
wieder Liebhaber dieser riesigen
Baumvertreter bestrebt, sie in
Deutschland anzusiedeln, zu hegen
und zu pflegen. In Kaldenkirchen,
nahe der holländischen
Grenze, schuf das Ehepaar Martin
im Jahre 1946 ein forstbiologisches
Paradies mit 1.500
Sämlingen des Riesenmammutbaumes.
Das Gelände wird heute
vom Land Nordrhein Westfalen
verwaltet. Es gibt sogar
ein deutsches Mammutbaum-
Re gister in dem akribisch alle
gemeldeten Bäume alphabetisch und nach Postleitzahl
geordnet registriert werden. Laut jenem
Register steht ein weiterer Mammutbaum in Amelinghausen
sowie ganze 15 Exemplare in Bad Bevensen.
Der älteste Vertreter der Region wurde
dem Register im wendländischen Gartow gemeldet.
Dieser ist aus dem Jahre 1860. Wer hätte
gedacht, dass sich die Zeugen der Urzeit einer
solchen Beliebtheit erfreuen. Vor 1,6 Millionen
Jahren sollen sie übrigens auch in Europa beheimatet
gewesen sein. Ob die heutigen Mammutbäume
in Deutschland ihre 3.000 Jahre überdauern,
bleibt jedoch im Bereich der kühnsten Spekulation.
(dh)
FOTOS: ENNO FRIEDRICH
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