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Kirche im Senkungsgebiet: St. Lamberti

geschrieben von Irene Lange im Dezember 2017

Jahrhunderte kämpfte man mit unsicherem Baugrund. Unzählige Male stürzte der Turm ein, drohte das Mauer­werk, seine Haltbarkeit einzubüßen. Alle Mühen, das Lüneburger Gotteshaus zu erhalten, waren vergeblich

Keine Mühen wurden gescheut, um die St. Lamberti-Kirche als eines der ältesten Gotteshäuser Lüneburgs vor dem Abriss zu retten. Immer wieder mussten seit ihrer Errichtung stabilisierende Baumaßnahmen ergriffen werden. Doch all das half nicht – der unsichere und nachgiebige Baugrund an der Abrisskante zum Senkungsgebiet der Saline wurde ihr zum Verhängnis. Senkungsschäden und Risse im Mauerwerk waren so stark, dass sie einzustürzen drohte. 1860/61 er­folgte der Abriss, die Kirche wurde dem Erdboden gleich gemacht.
Das exakte Entstehungsjahr der St. Lamberti-­Kirche ist nicht bekannt. Dass sie in etwa aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen muss, geht aus dem überlieferten Zeitpunkt der Einweihung der Sakristei im Jahre 1382 und dem Turmbau 1398 hervor. Bei Grabungen Ende der 1990er Jahre und im Jahre 2000 durch den Stadtarchäologen Dr. Edgar Ring und Helfer wurden Gebeine, Grabbeigaben und Keramik gefunden, die einen Baubeginn um 1300 vermuten lassen.
Es war ein dreischiffiges Gotteshaus, prächtig ausgestattet durch die von den Sülfmeistern gestifteten Mittel und auch durch Schenkungen von anderen Lüneburger Bürgern. Dabei galt es zunächst als Kapelle. Erst nach der Reformationszeit änderte sich der Status von St. Lamberti. Als im Jahr 1530 evangelische Gottesdienste eingeführt wurden, erhielt auch sie die Rechte einer Pfarr­kirche – folgerichtig wurde erst 1541 ein Tauf­becken aufgestellt.
Vor der Reformation befanden sich neben dem Hauptaltar auch 22 Nebenaltäre in der Kirche. An ihnen diente eine beträchtliche Zahl von Geistlichen, die verpflichtet waren, an bestimmten Tagen – meistens den Sterbetagen — für die verstorbenen Stifter die Heilige Messe zu lesen. Nach der Reformation wurde die Anzahl der Geistlichen bescheidener, es gab nur noch drei Prediger. 1742 bis zum Abbruch der Kirche waren es lediglich noch ein Hauptpastor und ein Diakon. Als erster evangelischer Prediger an der Lambertikirche wird Caspar Romshagen genannt; die letzten vor dem endgültigen Abriss waren Johann Diedrich Gottlieb Merkel und Wilhelm Nolte.


Seit dem 15. Jahrhundert machte sich der unsichere Baugrund bemerkbar, der die schweren Steinmassen des Gebäudes nicht tragen konnte. Doch nicht allein dadurch entstanden Schäden, Wind, Wetter und Stürme trugen weiter dazu bei. 1491 musste die hohe Spitze des Turmes abgenommen werden, weil sie zu sehr auf die Mauern drückte. Sie wurde durch eine neue ersetzt, die jedoch schon 1544 wieder abgebrochen werden musste, weil sie überhing.
Unverdrossen baute man den Turm jedoch wieder auf und versah ihn nun mit Haube und kleinen Ecktürmen. Er hielt knapp 30 Jahre, bis am 24. Januar 1574 ein heftiger Sturm die Spitze herunterriss, so dass man nicht mehr wagte, noch die Glocken zu läuten. Doch wieder erhielt 1575 der Turm eine neue Spitze. Immerhin hielt diese bis 1703, als ihr erneut ein schwerer Sturm zu Leibe rückte, und das ausgerechnet während Gläubige in der Kirche zum Gottesdienst versammelt waren. Sie kamen immerhin unversehrt davon, denn das Dach krachte auf den Kirchhof, nicht in das Innere der Kirche. Für die weiteren acht Jahre fehlte die Turmspitze, bis 1712 eine neue mit Knopf und Hahn aufgesetzt wurde.
Doch auch dieses Glück währte nicht lange, denn bald neigten sich Kirche und Turm in bedenklicher Weise auf die westliche Seite. 1732 waren während des Gottesdienstes sogar einige Steine aus den Gewölben ge­brochen. Dies gab den Anlass, ab dem 10. Mai 1733 den Gottesdienst in der Kirche einzustellen und für mehrere Jahre in die Marienkirche zu verlegen. In dieser Zeit begannen umfassende Umbaumaßnahmen, um die Konstruktion der Kirche zu verstärken. Aber nach nur 14 Jahren waren erneut Sanierungsarbeiten notwendig, weil der Turm schief hing. Er wurde mit zwei mächtigen Strebepfeilern abgesichert.

Aus dem überlieferten Zeitpunkt der Einweihung der Sakristei 1382 geht hervor, dass St. Lamberti aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammen muss.

Immerhin, Anfang des 19. Jahrhunderts konnte der Gottesdienst wieder aufgenommen werden. Doch schon 1818 wurde er erneut eingestellt, es galt, wieder Maßnahmen zur Abstützung vorzunehmen und verzogene Fenster zu ersetzen. Nun war die Zerstörung nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr Risse zeigten sich in Gewölben und Mauern. Die Glocken konnten nicht mehr zum Schwingen gebracht werden, um sie zu läuten, schlug man sie vorsichtig mit dem Klöppel an.
1844 drohte das Gewölbe gar ganz einzustürzen.
Das endgültige Aus folgte im Jahre 1860. Auch der Rat musste sich eingestehen, dass man trotz aller Mühen dem drohenden Einsturz zuvor­kommen musste. 1858 fand der letzte Gottesdienst statt. Am 21. Februar 1860 wurde die Kirche durch den Magistrat der Stadt Lüneburg zum Verkauf angeboten. Für 13.050 Taler erhielten Maurermeister von der Heide und Zimmermeister Westphal den Auftrag, den Abriss vorzunehmen. Immerhin — ein Großteil des Inventars konnte gerettet und in den Kirchen der Stadt untergebracht werden. So erhielt die Johanneskirche das Tauf­becken aus dem Jahre 1541, die Nicolaikirche den schönen Hauptaltar mit Doppelflügel aus dem Jahr 1443. Die Sonntagsglocke von 1712 und dem Uhrwerk gelangten in das Hospital zum Heiligen Geist, wo beides bis in die 1950er-Jahre genutzt und danach im Alten Kaufhaus am Hafen eingelagert wurde, dann jedoch dem Brand zum Opfer fiel. Doch mittlerweile schlägt die Glocke wieder – ein Andenken an die einstige Kirche St. Lamberti, ein beeindruckendes Gotteshaus, um dessen Erhalt eben so lange wie vergeblich gekämpft wurde.(ilg)

— Quellen: Archiv Hansestadt Lüneburg,
Stadtarchäologie Lüneburg

Fotos: Enno Friedrich, Hajo Boldt